RALPH KRÜGER: Ein schönes Buch haben Sie da geschrieben, Herr Birr. Sie kommen ja ursprünglich aus der Kabarettszene – oder wie würden Sie sich beschreiben?

TILMAN BIRR: Ursprünglich komme ich ja aus der Lesebühnenszene. Und das merkt man meinen Geschichten sicherlich auch an, allein schon durch die Länge. Kabarett ist etwas, das ich gemacht habe. Das Label habe ich mir gegeben, weil sich die Meisten darunter etwas vorstellen können. Wenn ich sage, ich habe Lesebühnengeschichten geschrieben, und die lese ich dann vor, dann sagt der große Teil, die sich mit Lesebühnen nicht auskennen nur: "Hääh?!" Aber mein erstes Kabarettprogramm, das ich bislang gespielt habe, waren auch Lesebühnengeschichten, die ich dann vorgelesen habe. Die meisten Geschichten habe ich dann, weil sie ja dialogbasiert waren, gespielt und auch ein paar Lieder dazu gespielt – und was da am besten als zusammenfassende Bezeichnung passt, ist der Begriff "Kabarett".

RALPH KRÜGER: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, dieses Buch zu schreiben, und wie viel Autobiografisches steckt da drin?

TILMAN BIRR: Ich habe diesen Job tatsächlich gemacht, und ich war auch in der Situation, in der sich der Protagonist sieht, nämlich: Jetzt habe ich fertig studiert, bin Geisteswissenschaftler und muss mir die Frage stellen, ob ich jetzt auch unbezahlte Praktika machen will wie alle meine Freunde? Eigentlich möchte ich doch nur so ein bisschen im Park sitzen und Bier trinken...

RALPH KRÜGER: Was haben Sie studiert?

TILMAN BIRR: Geschichte. – In dem Buch kommen ja Schlägereien vor, und es gibt Leute, die ausfallend werden, einer springt über Bord usw. – Das ist natürlich alles literarische Verdichtung. Ich habe keinen Kollegen gehabt, der über Bord gegangen ist, aber im Buch kommt einer vor. – Ich kannte die Situation auf dem Schiff. Ich wusste, welche Leute da kommen und wie die Atmosphäre ist. Mit dem, was man halt sonst noch über Menschen weiß, die man mal irgendwo anders gesehen hat, kann man sie einfach auf das Schiff verpflanzen und ein paar Gewürze dazu geben, und so wird es eine schöne Geschichte.

RALPH KRÜGER: Es ist auf jeden Fall ein sehr unterhaltsames Buch geworden, das trotz der berüchtigten Berliner Schnauze doch ein gewisses Niveau behält, das glücklicherweise zum Beispiel über das Niveau eines Mario Barth weit hinaus geht ...

TILMAN BIRR: Es gibt natürlich auch diese Episoden, die so ein bisschen "auf die Kacke hauen", wenn zum Beispiel eine Herrentagsgruppe auf dem Ausflugsschiff ist und dann mit Biergläsern schmeißt und so. Aber es gibt auch diese Geschichte, die viele toll finden, wenn da ein paar Amerikaner aufs Schiff kommen und fragen: Was ist denn nun eigentlich dieses Preußen? – Und dann reflektiert der Protagonist vier, fünf Seiten über die Geschichte Preußens und kann am Ende auch nur sagen: "Das ist Norddeutschland und der Osten" ...

RALPH KRÜGER: Das ist ja das Schöne an Ihrem Buch, dass eigentlich für jeden Leser etwas dabei ist, sowohl für den Akademiker als auch für den durchschnittlichen Leser von Unterhaltungsliteratur.

TILMAN BIRR: Das ist eben so, wie ich schreibe. Ich habe mir da keine große Mühe gegeben, den Text unbedingt massenkompatibel zu machen.

RALPH KRÜGER: Wie ist denn nun der Text entstanden. Von der Verlagsleiterin Ihres Verlags habe ich gehört, dass die Texte eher unsortiert beim Verlag angeliefert wurden. Wie sind Sie an das Schreiben heran gegangen?

TILMAN BIRR: Das Vormanuskript waren ca. 60 Seiten. Ich hatte versucht, das schon damals in eine Sortierung zu bringen, aber anfangs war noch kein Spannungsbogen drin, und es war im Grunde nur erkennbar, was für einen Stil das hat und welche Geschichten man erwarten kann. Die Idee kam eigentlich daher, dass ich sowieso schon mit einer Literaturagentur zusammengearbeitet hatte und ihnen einen Stapel Geschichten geschickt hatte. Und eine Geschichte, die es damals schon gab, spielte auf dem Ausflugsschiff. In dem Buch heißt sie jetzt "Cerveza", ursprünglich hieß sie anders. Aber dann sagte der Agent: "Ach, das ist ja interessant! das haben Sie wirklich gemacht? Dann machen Sie damit mal weiter..." – Und so habe ich eben angefangen, und dann tauchten immer mehr Geschichten auf, und am Ende stand da ein Buch.

RALPH KRÜGER: Das war also ein Ferienjob für Sie?

TILMAN BIRR: Ich war tatsächlich in derselben Situation wie der Protagonist dieses Buches, der ja auch zufällig Tilman heißt: Ich hatte fertig studiert, musste irgendwas arbeiten, und dann hatte ich zufällig einen Freund eines Freundes, der diesen Job hatte und meinte: "Och, bewirb dich doch mal. Ich mach' das, und das ist ganz angenehm..." Ich dachte mir: "Mensch, der hat recht! Das ist bestimmt ganz angenehm. Ich kann einfach nur auf dem Schiff sitzen, muss mich nicht bewegen, kann einfach nur reden, das, was ich aus dem Studium ja sowieso schon weiß, und recherchieren habe ich ja gelernt ..." Dann habe ich das gemacht, und es war in der Tat ein sehr angenehmer Job.

RALPH KRÜGER: Mit viel Trinkgeld?

TILMAN BIRR: Ja, es hing natürlich immer davon ab, wie viele Leute auf dem Schiff waren und wie die allgemeine Stimmung war und das Wetter und so. Aber ich musste während dieser Zeit nicht ein einziges Mal zum Geldautomaten gehen. Ich musste natürlich immer alles mit Münzen bezahlen, aber ich hatte immer Kleingeld in der Tasche.

RALPH KRÜGER: Vielleicht können Sie unseren Lesern noch etwas über Ihre Aktivitäten bei der Lesebühne erzählen. Sie sind ja der Betreiber der "Lesebühne Ihres Vertrauens" in Frankfurt.

TILMAN BIRR: Die Lesebühnen habe ich kennengelernt, als ich 2000 nach Berlin gezogen bin, und habe mir dann gedacht, warum gibt es das eigentlich nicht auch in Frankfurt? Ich hatte damals schon in Berlin gewohnt, dann aber in Frankfurt angefangen. Anfangs war das Ganze noch sehr wackelig und mit wechselndem Stamm. Seit vier, fünf Jahren sind wir ein fester Stamm. Wir sind insgesamt zu viert und lesen einmal im Monat unsere Texte vor in einem kleinen Laden, der "Ponyhof" heißt. Früher war es anders, aber mittlerweile sind wir alle Profis: Severin Groebner ist dabei, ein Kabarettist aus Wien, der lange in Bayern wohnte und jetzt in Frankfurt zu Hause ist; Elis ist auch ein Lesebühnenmensch, der lange in Berlin Lesebühne gemacht hat; und Lisa Danulat, eine Dramatikerin, die aber auch Lesebühne kann und die in der letzten Saison am Staatstheater in Mainz Hausautorin war. Seit ein paar Jahren erfreuen wir uns wachsender Beliebtheit. In den Laden passen 90 Leute rein, wenn wir sie quetschen, aber wir müssen immer wieder welche wegschicken, weil wir sonst Ärger kriegen wegen der Brandschutzbestimmungen... Da ist also meine künstlerische Heimat und natürlich auch meine emotionale. Das ist wirklich die Veranstaltung, die mir am liebsten ist.

RALPH KRÜGER: Kann man von so etwas leben?

>> weiter